Jeder Urlaub beginnt im Stau. Wer anderes behauptet, lügt, oder gehört zu der Spezies Urlauber, die bereits um zwei Uhr nachts losfährt, um nicht nur dem Stau vorne weg zu fahren, sondern um sich auch am ersten Urlaubstag voll ins Vergnügen werfen zu können. Schließlich hat man ja dafür bezahlt. Wir fahren sonntags, denn da sind zumindest nicht so viele LKW unterwegs, was aber nicht heißt, dass es deshalb gesitteter auf den Straßen zugeht. Und viel leerer ist es leider auch nicht.
Zurück in den Stau. Dem Verkehrsfunk sei Dank, können wir einen wachsenden Stau an einer Baustelle bei Leverkusen umfahren, nicht ohne auf der Ausweichautobahn zwei Kilometer zäh fließenden Verkehrs zu kassieren. Sei’s drum. Leider zeichnet sich im weiteren Verlauf keine Besserung ab, weshalb ich tapfer vorschlage, man möge doch nun die Autobahn verlassen und sein Glück auf einer der zahlreichen Bundesstraßen versuchen. Dass es sich bei der von mir vorgeschlagenen Route um den Eifelpanoramaweg handelt, hatte ich wohl übersehen. Nun ja, schließlich ist Sonntag, und sonntags fahren kaum LKW, was soll also passieren? Uns passiert der absolute Worst Case, denn wenn wir eins wollen, dann möglichst schnell in die Vulkaneifel zu kommen, um uns dort an einer Wanderstrecke auszuprobieren. Aber es ist Sonntag, und in jedem der verschwipsten Weinorte entlang der Bundesstraße (und diese führt mitten durch die Alkoholikerstädte hindurch) wird ausgerechnet an diesem Sonntag dem Federweißer gehuldigt.
So kommt es, wie es kommen muss: Millionen weinseliger Rentner säumen die Straßenränder in Cafés, in denen kaum noch Koffeinhaltiges ausgeschenkt, sondern der Federweiße gegen den Federroten verkostet wird. Das alles freilich begleitet von den Mitklatschrhythmen grenzdebiler Blasmusiker, die wahrscheinlich nur zum Weinfest aus ihren Verliesen auf den Marktplatz geführt werden, nur um im Anschluss von den Einheimischen wieder beschämt zurück ins Kellerregal gestellt zu werden.
In Bussen werden Grauhaarige und Fliegerwitwen in die Weingärten gespült, sie rollatoren hilflos humpelnd mitten auf den Straßen umher, ständig auf der Suche nach dem nächsten Schoppen. In Altenahr ist es wohl gerade wegen des Ortsnamens am schlimmsten: Der Ahrweiler Inkontinenzexpress (“Unter jedem Sitz ein Töpfchen.”) karrt eine greisige Fuhre nach der anderen an, blockiert mit seinen riesigen Rentner-Dixies sämtliche Wege und hindert uns am Weiterkommen. So langsam wird uns die Zeit knapp, denn schließlich wollen wir heute noch einchecken, und das in Rech an der Ahr, das nun seit etwa sieben Kilometern hinter uns liegt (bis zur Wanderung bei Manderscheid sind es noch geschätzte siebzig).
Rüstige Rentner oder solche, die sich dafür halten, reisen selbstverständlich mit eigenem PKW an. Direkt vor uns fahren sie im unteren Drehzahlbereich des zweiten Ganges, um einen Parkplatz für ihren Opel Omega zu finden, der zum einen nah genug am Einkehrort liegt, zum anderen aber so sicher sein soll, dass dem geliebten Auto nichts zustoßen kann. Dass das dauert, darf einleuchten. Hat man nach ungezählten Hass erfüllten Minuten den einen Rentnerkamikaze hinter sich gelassen, hat man den nächsten vor sich. Ganz abgesehen von den Baustellen, deren eigentlich recht komfortable Ampelschaltung Opa Willi wiederholt überfordert, weshalb nur jeweils ein Omega pro Grünphase die Baustelle passieren kann. Zwei dieser Baustellen haben mir drei grau Haare beschwert, wie am Abend festgestellt.
Um es abzukürzen (ganz ohne Panoramawege): Für die siebzig Kilometer in der Greisenpolonäse haben wir satte zwei Stunden gebraucht, um dann endlich, reichlich entnervt und hungrig, an der Heidsmühle hinter Manderscheid einzutreffen. Den mit Wasser und Schnittchen gut gefüllten Rucksack aufgeschnallt, geht es uns zuallererst um ein ruhiges Plätzchen fernab der Zivilisation, um die erste Pause des Tages einzulegen.
Die “Marienhütte” ist ein solches Fleckchen, abseits des Weges im Wald, ganz ohne pubertäre Grafittis oder vulgäre Schmierereien (das fällt mittlerweile anscheinend mehr auf als mit Eding gezeichnerte ejakulierende Penisse). Gespeist, gestärkt und trotz der nur kurzen Pause geht es erstaunlich erholt weiter in Richtung Wasserfall. Hier verliert die Kyll etwa einen Meter an Höhe, weshalb der Wasserfall häufig in Anführungszeichen gesetzt wird. Eine Infotafel mit geologischen Erklärungen setzt uns über die Entstehung des Kylltals in Kenntnis. Pepper nutzt die Gelegenheit für einige tiefe Schlucke aus dem nahe gelegenen Bach.
Vom “Wasserfall” geht es direkt in die “Wolfsschlucht”, deren Weg gepflastert ist mit Basaltbrocken des letzten Vulkanausbruchs. Die zu querende Brücke wird Pepper fast zum Verhängnis.
Die Streben liegen für ihre Pfötchen zu weit auseinander und sind zudem rutschig, weshalb sie mit einer Pfote in einer Spalte hängenbleibt. Es passiert ihr nichts, dafür macht sie allerdings einen Heidenalarm und braucht ein paar Minuten, bis sie sich wieder beruhigt. Oberhalb der Schlucht schlage ich wieder einmal einen falschen Weg vor (der uns allerdings, wie später bemerkt, direkt zurück zum Auto geführt hätte), wir ihn ein und müssen nach einigen hundert Metern reuevoll umkehren (bergauf!). Oben auf dem Weg in Richtung Mosenberg duftet es intensiv nach Latschenkiefer, weil auf der anderen Seite der Schlucht Fichten geschlagen werden.
Dieses Stück der Route ist auf einer Länge von zweihundert Metern geschmückt mit sieben (!) großen Ameisenkobeln, aus denen die Roten ausströmen, um Unruhe zu verbreiten. Vor allem bei mir, dem diese wuseligen Viecher unheimlich sind. Mir kribbelt alles, und so versuche ich, diese Strecke so schnell wie möglich hinter mir zu lassen.
Belohnt wird diese Flucht von einem sehr schönen Stück der Wanderung. Wir durchqueren einige Felder auf einem Gras bewachsenen Weg, auf dem wir niemandem begegnen. An dieser Stelle ein Riesenlob und ein herzliches Dankeschön an die Leute von www.eifel-gps.de, die mit viel Sorgfalt nicht nur diese Tour erdacht haben. Die besten Strecken bestehender und ausgeschildeter Routen wurden kombiniert, miteinander verbunden und nebst detaillierter Wegbeschreibung mit einer Wanderkarte online gestellt. Ein Navigationsgerät benötigt man nicht, auch wenn zu allen Strecken entsprechende Dateien zur Verfügung stehen. Das Schöne an den GPS-Routen ist, dass man weit abseits der üblichen Touristen- und Spaziergängerwege die Natur und Umgebung genießen kann. Weiteres Kartenmaterial gibt es beim Eifelverein.
Nach dem gut zu laufenden und äußerst erholsamen Stückchen Wiese geht es nun sehr steil bergauf zur Gipfelhütte auf dem Mosenberg. Der Puls pocht in meinen Schläfen, und der Rucksack wird mit jedem Höhenmeter schwerer. Dafür entschädigt die wunderbare Aussicht, wir können sogar fast den Parkplatz unseres Autos sehen. Bis dahin ist es allerdings noch etwas hin. Der Weg führt zunächst leicht bergab, vorbei an beeindruckenden Basaltformationen, einem Grillplatz im Tal und dann wieder bergan zum Gipfelkreuz über dem Bergkratersee.
Am Kraterrand sieht man noch immer erstarrtes Gestein, auf dem höchsten Brocken steht das weiße Kreuz mit der Inschrift “Behüte unsere Heimat”. Hier muss ich Unfug machen.
Der Rückweg (ab hier gibt es außer einem Trockenmaar nichts Außergewöhnliches mehr zu sehen) verläuft problemlos, abgesehen vielleicht von der Blase an der rechten Ferse, die ich mir wegen falscher Schnürung bereits am ersten Tag erlaufen musste. Sei’s drum: All hail to the mighty Blasenpflaster soll ab jetzt das Motto jeder Wanderung sein.
Nach einem kleinen Umweg (Adresse vergessen) erreichen wir gegen halb acht unsere sehr modern und komplett ausgestattete Ferienwohnung. Nur kurz umgezogen und frisch gemacht (ich stinke mittlerweile wie ein Iltisarsch) – und ab in die nächstbeste Lokalität, um einen Happen einzuwerfen. Es ist dunkel, die Straßen sind menschen- und auch renterleer, die Bürgersteige hochgeklappt. Einzig aus dem “Recher Hof” flackert heimeliges Licht. Also kehren wir ein.
Auf der linken Seite halten sich Dorfstammtisch und ein paar Jugendliche in der Kneipe an Alkoholischem schadlos, rechts geht’s in den Restaurantbereich. Von außen noch den Charme einer Dorfpinte verbreitend, innen den eines Saunaclubs aus den Siebzigern verströmend, dringt uns aus versteckten Boxen Endsechziger-Pornomusik ins Hirn. Allem Vorsatz zum Trotz bestelle ich automatisch ein Bier. Jeden Moment erwarte ich den Typ Mann, der sich in diesem Lokal wohl fühlen dürfte: Mitte fünfzig, die ergrauenden Haare ungeschickt übertönt, der Schnauzbart ist ein wenig zu lang und speichelnass, der Reißverschluss des schwarzen Satinhemdes ist lasziv bis zum Bierbauchnabel geöffnet, über der behaarten Männerbrust prangt eine schwere Goldkette, an den Fingern glänzen Goldklunkern mit exorbitant eckigen Halbedelsteinen.
Die Kellnerin nimmt mit ihrer verrauchten Stimme unsere Bestellung auf (“Cola light? Haben wir nicht.”), wir kommen uns vor wie in einem Etablissement, das sich nach neun Uhr in den Dorfswingerclub für Midcrysler verwandelt. Wider Erwarten ist das Essen recht gut (Kartoffelcrèmesuppe, Rinderkraftbrühe mit ordentlicher Zwiebeleinlage (ich vermute, dass die hauseigene Zwiebelsuppe einfach mittels Bouillonwürfel umfunktioniert worden ist), Pfifferlinge (ertränkt in sämiger Soße) mit Speck an buttrigen Butterspätzle, Pommes an Jägerschnitzeln (großzügige Portion, wenn auch die Champignons ungebraten direkt aus der Dose auf die Fleischlappen geschüttet werden), dazu ein Wasser und ein Pils) und weckt Kindheitserinnerungen an das erste Jägerschnitzel in einer Pömmse. Als Bonus gibt es Salat vom Salatbüfett (ein laminierter Ausdruck weist den Weg zum siebziger Jahre Schüsselkarussel). Alles zusammen macht das Essen zu einem herrlichen Erlebnis, gekrönt von einem jungen Mann, der guter Laune in ausgeleierter Jogginghose und kariertem, falsch geknöpftem Hemd das Restaurant passiert. Die Weinkarte in diesem Weingebiet besteht übrigens aus “Hauswein” (1-l-Flaschen mit Drehverschluss, gekauft in Ullis Trödelladen (“Geschenke aller Art und Gastronomiebedarf”) für 99 Cent) für 5,70 EUR, zwei QbA-Weinen und irgendeinem Likör, der nur der oben beschriebenen Klientel mit Vergangenheitsbewältigungsproblemen schmeckt.
Gegen halb zehn sind wir endlich in der Wohnung, packen kurz aus (ich öffne wie immer lediglich meinen Koffer) und gehen schlafen. Morgen geht’s zur Burg.
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