Serie: Heiliger Bimbam. Menschenarten

Es gibt verschiedene Arten von Menschen. Nicht viele, dafür einige mit Unterarten. Schubladen quasi. Jeder von uns passt in eins dieser Schubfächer, ob es ihm nun passt oder nicht. Zum Beispiel alle, die jetzt empört aufgeseufzt haben: „IHM, ob es IHM nun passt. Und was ist mit IHR?“ Das ist so ein ganz bestimmter Schlag Menschen.

Niemand mag es, kategorisiert zu werden. Und doch streben Menschen danach, allen Dingen eine zumindest äußere Ordnung überzustülpen. Das beruhigt sie. Wenn ich weiß, wie ein Ding heißt und was es macht, kann ich mich davor schützen. Messer, zum Beispiel, sind scharf und gefährlich, aber gebändigt prima zum Tomaten schneiden. Sonnenschein ist toll, macht gute Laune, aber auch Hautkrebs. Kinder, die spielen, sind herrlich anzusehen, die kleinen, putzigen Ableger, die Nachwuchsmenschen, so lange man irgendwann die Tür zumachen kann, um seine Ruhe zu haben (SEINE Ruhe? Und was ist mit IHRER?). Sie sehen, trotz aller Kategorien haben Münzen meistens zwei Seiten. 1

Unordnung hingegen macht den Menschen unglücklich. Socken gehen verloren und tauchen nur noch einzeln auf. Als Mittel dagegen werden sie immer gleich im Fünferpack gekauft, um möglichst lange kombinieren zu können. Flecken auf der Tischdecke sind unerträglich, da wird lieber das Essen unterbrochen, um schnell Kochwäsche aufzusetzen, bevor man zu lange auf den Fleck starren muss. Warum das alles? Weil ungeordnete Dinge Angst verbreiten. Wenn früher, zu seligen Höhlenzeiten, ein Säbelzahntiger am Eingang vorbei schlich, tat man gut daran, in sicherer Deckung zu verbleiben, selbst wenn man vorher noch nie einen gesehen hatte. 2

Unbekanntes macht Angst, Ungeordnetes unruhig. Vor allem, wenn es sich um etwas handelt, was der Mensch selbst nicht beeinflussen oder verändern kann. Unglück. Krieg. Krankheit. Da reicht es auch nicht mehr, regelmäßig frisches Obst zu essen. Dem Menschen fällt es schwer, Zufälle hinzunehmen. Immer will er auch hinter ihnen einen Sinn entdecken, eine Ordnung, eine Regelmäßigkeit. Wo es ihm nicht gelingt, flüchtet er sich in Fantasien. Er wittert Verschwörungen, trägt Talismane, entwickelt feste Rituale, von deren Wirksamkeit er völlig überzeugt ist, glaubt an Gott, oder, wo einer nicht ausreicht, gleich an mehrere, er wird Esoteriker, jagt Schutzengel, schließt sich elitären Zirkeln an. Vor allem aber ist er davon überzeugt, dass da „noch irgendwas“ sein muss, dass gerade sein Leben nicht in der Belanglosigkeit versinkt, dass er es ist, der als der Auserwählte die Menschheit rettet. Oder zumindest seinen eigenen Hintern. Kurz:

Er macht sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral

Doch was, werte Leserinnen und Leser, passiert, wenn er ihn findet? Was ist, wenn sich die Mysterien anfassen lassen, wenn sich Mythen in Realität verwandeln? Was passiert, wenn sich Gott tatsächlich den Menschen offenbarte, in seiner ganzen Pracht (oder ihrer)? Dann wäre Schluss mit dem ganzen Glauben. Dann läge die echte, bindende Rechenschaftspflicht auf dem Tisch. Dann wüsste man, dass ER die ganze Zeit über zuguckt, Träume liest, Fantasien, beim Sex zusieht. Und dann? Wo ist dann das Heilsversprechen in einem göttlichen Überwachungsstaat ohne abhörsichere Räume?
Sie sehen schon, Sie werden es nicht leicht mit mir haben. Verabschieden Sie sich von allen Konventionen, spülen Sie festgefahrene Denkmuster den Abfluss hinunter. Folgen Sie mir. Aber schnallen Sie sich an!

  1. Einer alten Legende nach soll es kurz vor dem Mittelalter ein Fürstentum in der Gegend des heutigen Hessen gegeben haben, in dem Münzen mit nur einer Seite geprägt wurden. Diese waren unsichtbar und wurden von den meisten Kiosken nicht als Zahlungsmittel akzeptiert. Der Erfolg war nur von kurzer Dauer.
  2. Ja, mir ist klar, dass der Säbelzahntiger längst ausgestorben war, als die ersten Menschen ihre Höhlen bezogen, aber Sie werden mir zustimmen, dass es dem Menschen tatsächlich gut getan hätte, ihm aus dem Weg zu gehen.

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